Sneak Preview
STIRB WOHL
Werden, Sein, Vergehen

Diese Erzählungen sind in keiner geraden Linie entstanden. Sie haben sich über Jahre hinweg gesammelt, manchmal wie ein Donnerschlag, manchmal tastend, manchmal widerspenstig.
Sie wollen nichts erklären. Sie wollen nicht trösten und nicht urteilen. Sie beobachten. Sie halten inne und lassen Widersprüche zu: Nähe und Distanz, Fürsorge und Ohnmacht, Bleiben und Gehen.
Darin liegt ihr gemeinsamer Kern: in der Anerkennung, dass alles, was lebt, auch vergeht – und dass in diesem Vergehen nicht nur Verlust liegt, sondern Bewegung, Weitergehen, Zurückbleiben, Übergang.

Nougat
Das Glöckchen über der Tür läutete, als ich den Laden betrat. Es roch nach gerösteten Mandeln und altem Holz. Die Verkäuferin mit dem Spitzenhäubchen im Haar begrüßte mich mit wissendem Lächeln und sagte wie stets: „Der junge Herr Jakob.“
Auf der Theke stand eine Messingwaage, daneben eine Vitrine, in der die Objekte meiner Begierde lagen – Nougat in großen Blöcken: eine Variante mit Krokant, eine mit Haselnüssen und eine mit dunkler Schokolade. Es war immer das gleiche Zeremoniell: Die Verkäuferin schwieg, solange ich eine Entscheidung zu finden suchte. Dann deutete ich auf eine Sorte und nannte eine Summe. Sie schob die Glasscheibe auf, hob das
erwählte Nougat heraus und legte es auf ein Stück Pergamentpapier. Mit einem schweren Messer schnitt sie ein Stück ab, reinigte die Klinge und schob den Rest wieder in die Vitrine. Behutsam schlug sie das Pergament um das süße Stück, hüllte es vollständig ein und legte es auf die Waagschale. Dort, wo sie es gehalten hatte, zeichneten sich die Abdrücke ihrer Finger auf dem Papier ab. Eines nach dem anderen
legte sie nun Gewichte in die andere Schale, bis die Markierungen zur Ruhe kamen. Dann nannte sie eine Zahl und sah mich fragend an. Und ich nickte immer. Der Preis wich nie weit von meiner Vorgabe ab.
Das Nougat war zum Aufessen eigentlich zu schade. Aber: davon nur kosten ging einfach nicht. Ich musste herzhaft hineinbeißen, es auf meinen Lippen, am Gaumen, zwischen den Zähnen spüren. Die Bissen schmolzen dahin, und jedes Mal war ich beseelt von einem Glück, das viel zu schnell verging.
Doch eigentlich war das etwas für Kinder. Ich kaufte nur, wenn ich allein war. Wer groß und erwachsen sein wollte, wie ich und meine Kumpel, aß keine Süßigkeiten. Der tat andere Dinge ...

Schmetterlinge
Schmetterlinge sind Glücksboten. In meiner Kindheit kommen sie als lang erwartetes Zeichen, dass ich endlich wieder barfuß über Wiesen laufen, durch Bäche waten und unter Bäumen liegen kann. Dann muss ich keinen von meiner Mutter gestrickten Wollpullover
mehr tragen, der mich während der langen Winter in Bayerisch-Sibirien vor Kälte schützen soll, stattdessen aber am Hals kratzt und so steif ist, dass er mich bei unseren Schneeballschlachten behindert. Schmetterlinge bedeuten Freiheit. Sie segeln als Farbtupfer durch die Luft, lassen sich auf Blumen und Gräsern nieder, halten inne, gewähren kurze Blicke auf die schillernden Farbspiele ihrer Schwingen. Schmetterlinge gehören zum Sommer wie Fliegen, Bienen, Hummeln und Grashüpfer. Dann und wann verirrt sich einer in unsere Küche, trudelt über den Tisch und verfängt sich in der Gardine, von der ich ihn behutsam abnehme und wieder ins Freie entlasse. Ich beobachte den Kohlweißling, den Zitronenfalter oder den Kleinen Fuchs. Admiral und Tagpfauenauge
kommen selten und den größten von ihnen, den Trauermantel, sehe ich nur an manchen Tagen. Ebenso wie den Segelfalter, dessen Schwingen wie das Fell eines Tigers aussehen: fremdartig, exotisch und wunderschön.
In meinen Gedanken öffnet sich eine andere Welt, die der Schmetterlinge: Im Dschungel saugen sie Nektar aus bunten Blüten. Es ertönt das Pfeifen der Paradiesvögel, die Schreie und das Gezeter der Brüllaffen und Lemuren. In der Ferne höre ich das Raunen einer Raubkatze und irgendwo ein leises Schlangenrascheln im Unterholz. Es duftet nach feuchtem Laub und Baumrinden. Lianen winden sich um die Stämme von Bäumen, deren
Wipfel ich nicht ausmachen kann. Dort, wo die Sonne durch ihre Kronen dringt, wirft sie Lichtstrahlen in den Urwald, wie in eine gotische Kirche ...

Das Vergessen
Ich kramte nach dem passenden Kleingeld, da fiel der Blister aus einer Seitentasche. Zerdrückt. Zu Staub gemahlene Nitroglycerintabletten. Ich hatte sie völlig vergessen.
Sie waren mein Rettungsanker gewesen. Meine Lebensrückversicherung. Immer griffbereit. Seit einem Jahr. Jetzt waren sie unbrauchbar geworden. Ich zögerte einen Augenblick, dann warf ich sie weg. Dr. Beyer würde mir ein neues Rezept ausstellen müssen.
Im Treppenhaus roch es nach Reinigungsmittel. Ich nahm die ersten drei Stufen langsam, dann zwei auf einmal. Nach dem zweiten Absatz wurde mir warm. Meine Atmung ging schneller. Mein Puls stieg. Oder bildete ich es mir ein? War es wegen der Anstrengung?
Es ging nicht ohne Mühe.
Schnellere Atmung, Schweiß, hoher Puls.
Aber es ging.
Länger als erwartet.
Ohne Folgen.
Mit ein bisschen weniger Angst.
Das Runterkommen wie eine Befreiung.
Ich hielt mich am Geländer fest. Ich atmete durch. Niemand hatte etwas bemerkt. Es war gar nichts passiert – und doch etwas Entscheidendes: Ich war nicht tot ...