
Vergissmeinnicht
Alexander reflektiert sein Leben als Besitzer einer Berliner Werbeagentur und schwuler Mann, während er sich gerade neu verliebt. Da erreicht ihn die Nachricht einer Erbschaft in Südfrankreich. Er erinnert sich an Sommerurlaube als Jugendlicher und an die entfernte Verwandte an der Côtes d’Azur, die ihm ihr Haus vererbt hat.
Prolog
Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft.
Novalis, Blüthenstaub 16
Soll ich von Liebe sprechen? Vom sirrenden Pfeil der Liebe, der uns so unauslöschlich tief versehrte, in jenen kühlen Nächten, die durchglüht waren von der Hitze unserer Körper? Als wir beseelt an jedem neuen Morgen erwachten?
Ich schreibe dies, während durch das halb geöffnete Fenster das Zirpen der Zikaden flirrt. Wenn ich es recht bedenke, nach all den Jahren, die das Damals und das Heute unwiderruflich voneinander getrennt haben, war es nur eine kurze Episode mit einem stürmischen Beginn und einem jämmerlichen Ende. Sie hatte unserem Leben einige Hoffnungen und eine erste Enttäuschung hinzugefügt.
Seit jenem Schwindel erregenden Sommer – seit diesen herrlichen, grauenvollen Tagen, in denen ich mit größerem Begehren aß, mit weniger Misstrauen in seine Augen sah, mit mehr Wollust seine Berührungen spürte –, seit ich damals mit größerer Hingabe hoffte, schien alles, was darauf folgte nur noch der Nachhall dieser einen Romanze zu sein. Etwa so formuliert Michael Chabon in „Die Geheimnisse von Pittsburgh“ das, was mich damals umtrieb.
Alexander
Ganz begreifen werden wir uns nie, aber wir werden und können uns weit mehr, als begreifen.
Novalis, Blüthenstaub 6
Sein erkennender, uralter Blick traf mich aus heiterem Himmel, als er sich mit einer flüchtigen Handbewegung eine Haarlocke aus der Stirn strich und mich wie selbstverständlich küsste. Ich versank in seinen Armen.
„Das ist meine Art, jemanden kennen zu lernen“, flüsterte er.
„Gefällt dir, wen du kennen gelernt hast?“, fragte ich.
„Ja.“
Sonnenstrahlen fielen zu uns ins Zimmer herein. Wir sahen dem Rauch unserer Zigaretten nach, der sich zum Fenster hinschlängelte. Und als sei dies ihre Bühne, vollführten winzige Staubkörnchen ein schwebendes Ballett auf den blauen Mäandern.
„Wollen wir einfach losfahren?“, fragte er in die Versonnenheit jenes Nachmittages hinein. „Eine Woche habe ich noch, dann muss ich zurück.“
„Zurück? Wohin?“, fragte ich.
„Nach Hause", antwortete er. Es war eine einfache Feststellung.
„Wollen wir in den Süden?“, fragte er noch.
„Gut.“
„Schön.“
Damit war alles gesagt und ich hatte das Gefühl, als hätten wir uns bereits unsere Leben erzählt. Wir fuhren los, machten Halt, wann und wo es uns gefiel, bis wir wieder zurück mussten.
Die Wärme des Tages schmilzt orangefarben über fernen Bergkämmen. Vom Holztisch lacht uns eine Brotzeit an. Bier perlt in rustikalen Gläsern. Er sieht mir in die Augen. Ein warmes Grün umfängt mich – wie von den Blättern der Kastanie, unter der wir rasten.
***
Die Nachmittagssonne malt einen Hauch von Kupfer auf seine gebräunte Haut. Die Farbe der Wiese spiegelt sich in seinen Augen und lässt sie in einem noch helleren Grün leuchten als sonst. Er sammelt einen Strauß Kamillenblüten. Ein lauer Wind berührt sanft unsere Gesichter. Sein klarer Blick berührt mein Herz.
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Wir liegen auf einem Bootssteg. Der Nachthimmel wölbt sich wie Muranoglas über uns. Die Sterne sind glitzernde Luftbläschen im Kristall. Ab und an nehmen wir ein Stückchen Käse, etwas Weißbrot und der Rotwein umarmt uns wie ein guter Freund. Sternschnuppen fallen zahllos aus der Himmelskuppel und vergehen im Schwarz des Sees. Sie nehmen unsere Wünsche mit sich.
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Hitze flirrt über gebrannter Erde und beschwert unsere Schritte. An einem Hang finden wir alte Rebstöcke. Die samtblauen Trauben sind süß und überraschend sauer zugleich. Wir schauen zu den sanften Hügeln, auf denen Zypressen die Schönheit der Landschaft bekräftigen – wie gemalte Ausrufezeichen.
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Wir schweben in kühlem Türkis, lassen uns von den Wellen tragen, die schwerfällig zum Strand hin wogen. Wie ein weiches Bett empfängt uns der Sand und wärmt uns, während das Wasser auf unserer Haut trocknet und Salztupfer hinterlässt.
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In seinen Augen spiegelt sich die Bläue der vergangenen Nacht. Sie erzählt von Einsamkeit und Sehnsucht. Im Zwielicht des anbrechenden Tages halten wir uns noch eine Weile; wir spüren den Atem des anderen und wie sich unser Herzschlag langsam wieder beruhigt.
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Auf dem Weg zurück weint er. Weil es so unglaublich schön mit dir war, flüstert er. Weil unsere Seelen schon im Sandkasten miteinander gespielt haben, ergänze ich. Genauso ist es, sagt er. Und keiner spricht aus, dass dies unsere letzten Stunden sind.
Er ging. Wir verbrachten noch ein paar gemeinsame Wochenenden, während derer wir glaubten, Versäumtes nachholen und unserer erneuten Trennung vorgreifen zu können. Aber es funktionierte nicht. Wir drifteten jeder in sein eigenes Leben hinein, das nicht zur Welt des anderen gehörte. Unser Glück verhungerte auf den paar hundert Kilometern, die zwischen uns lagen. Es war ein langsames Verschwinden. Die Endgültigkeit unserer Trennung war bereits seit unserem ersten Tag klar. Unsere Leidenschaft hatte das Verbindende zwischen uns wie ein gieriges Feuer zu einem Häuflein Asche verbrannt.
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